Antisemitische Äußerung oder Propaganda

Nationalisten verhöhnen die verbrannten Juden von Jedwabne als „jüdische Lüge“

Während in Jedwabne der mindestens 340 ermordeten Juden gedacht wurde, verbreiteten polnische Rechtsextremisten in unmittelbarer Nähe ihre Geschichtslügen. Ein großes Transparent erklärte die Erkenntnisse über die polnischen Täter zu „jüdischen Lügen“.

Ort: Jedwabne, Woiwodschaft Podlachien · Datum: 10.07.2026

Kontext: Öffentlicher Raum, Politische Veranstaltung oder Demonstration

Am 10. Juli 2026 versammelten sich Vertreter der jüdischen Gemeinschaft, polnische Politiker und ausländische Diplomaten in Jedwabne, um der Opfer des Massakers vom 10. Juli 1941 zu gedenken. Der polnische Oberrabbiner Michael Schudrich leitete das Gebet am Mahnmal. Auch die Präsidentenkanzlei, beide Kammern des polnischen Parlaments und mehrere Botschafter waren vertreten.

In unmittelbarer Nähe hielten rechtsextreme und nationalistische Gruppen eigene Veranstaltungen ab. Anhänger der von Grzegorz Braun geführten Partei Konfederacja Korony Polskiej zeigten ein großes Transparent mit der Aufschrift:

„Schluss mit jüdischen Lügen. Deutsche begingen die Verbrechen in Jedwabne.“

Damit bestritten sie nicht, dass in Jedwabne Juden ermordet wurden. Sie erklärten jedoch die Beteiligung polnischer Täter zu einer angeblich von Juden verbreiteten Lüge. Die Aktion richtete sich damit sowohl gegen die historischen Erkenntnisse als auch gegen die jüdische Gemeinschaft, die am Ort des Massengrabs ihrer Ermordeten gedachte.

Parallel fand auf einem privaten Grundstück neben dem Mahnmal eine zweitägige Veranstaltung unter dem Titel „Jahrestag des Verbrechens von Jedwabne. Die Erde lügt nicht“ statt. Dort werden seit 2025 Tafeln und Texte präsentiert, die die Beteiligung polnischer Einwohner am Massaker bestreiten. Die polnische Staatsanwaltschaft untersucht nach Medienberichten die dort verbreiteten Inhalte.

Die offizielle Untersuchung des staatlichen polnischen Instituts für Nationales Gedenken kam zu dem Ergebnis, dass mindestens 340 Juden ermordet wurden. Die unmittelbaren Täter waren demnach polnische Einwohner der Gegend, die unter deutscher Besatzung und auf deutsche Anstiftung handelten. Die übergeordnete Verantwortung für die Bedingungen und den Rahmen des Verbrechens lag bei den deutschen Besatzern.

Nationalisten ersetzen diese differenzierte historische Feststellung durch die Behauptung, Polen würden mithilfe „jüdischer Lügen“ für ein ausschließlich deutsches Verbrechen verantwortlich gemacht. Dadurch wird aus einer Auseinandersetzung über historische Verantwortung ein antisemitisches Feindbild: Juden erscheinen als kollektiv handelnde Gruppe, die angeblich Geschichte fälscht, Polen verleumdet und aus dem Leid ihrer eigenen Ermordeten politischen Nutzen zieht.

Warum antisemitisch?

Das Transparent beschränkt sich nicht auf eine Kritik an einzelnen Historikern, einer Untersuchung oder einer konkreten Beweisführung. Es spricht pauschal von „jüdischen Lügen“. Damit wird Juden als Gruppe unterstellt, gemeinsam eine falsche Darstellung des Massakers zu verbreiten.

Die Ermordeten werden ein zweites Mal gedemütigt: Erst wurden sie zusammengetrieben, misshandelt und in einer Scheune verbrannt. Jahrzehnte später wird das Gedenken an sie zum Schauplatz einer Erzählung, nach der Juden nicht Opfer und Zeugen, sondern Lügner und Verleumder seien.

Die Behauptung leugnet den Holocaust nicht vollständig. Sie verzerrt jedoch ein konkretes Verbrechen des Holocausts, weist gesicherte Erkenntnisse über die Täter zurück und macht „die Juden“ für die angebliche Geschichtsfälschung verantwortlich. Genau diese Verbindung aus Schuldabwehr, Verschwörungsvorwurf und kollektiver Herabsetzung macht den Vorfall eindeutig antisemitisch.