Bedrohung, Belästigung oder Hetze

Juden melden, Hotels markieren: Italiens digitale Menschenjagd

Ein anonym erstelltes Google-Formular forderte Menschen in Italien dazu auf, israelische Staatsbürger, italienische Juden und Personen mit vermeintlichen Verbindungen zum Zionismus zu melden. Erfasst werden sollten unter anderem Hotels, Ferienwohnungen, Geschäfte und weitere Orte, an denen sich Betroffene aufhielten.

Ort: Rom, Latium · Datum: 18.07.2026

Kontext: Internet oder soziale Medien, Arbeitsplatz oder Geschäft

Das Formular trug sinngemäß den Titel „Kartierung des zionistischen Tourismus“. Es sollte nach eigener Darstellung Fälle von „zionistischem Tourismus“, Immobilienkäufen und einer angeblichen „zionistischen Neokolonisierung“ Italiens dokumentieren. Die Nutzer wurden gebeten, Quellen und örtliche Ansprechpartner anzugeben, damit die gemeldeten Informationen geprüft und mögliche „Initiativen“ koordiniert werden könnten.

Nach Berichten italienischer und israelischer Medien sollten auch Orte gemeldet werden, an denen israelische oder jüdische Besucher gesehen worden waren. Darüber hinaus wurde gefragt, ob örtliche Organisationen oder Aktivistengruppen das angebliche „Phänomen“ bereits bearbeiteten.

Damit richtete sich das Formular nicht nur gegen die Politik der israelischen Regierung oder gegen einzelne Unternehmen. Menschen wurden aufgrund ihrer israelischen Staatsangehörigkeit, ihrer jüdischen Zugehörigkeit oder einer ihnen unterstellten Verbindung zum Zionismus zu beobachtungswürdigen Personen erklärt. Gleichzeitig sollten Gastgeber, Vermieter und Geschäftsinhaber erfasst werden, wenn sie Israelis oder Juden beherbergten beziehungsweise bedienten.

Einordnung zur Urheberschaft

Das Formular war anonym. In seinem Text wurde behauptet, die erhobenen Daten würden an das Global Sumud Movement weitergeleitet und dort vertraulich behandelt. Daraus darf nicht geschlossen werden, dass die Organisation das Formular erstellt, beauftragt oder tatsächlich Daten erhalten hat.

Vertreter des Global Sumud Movement bestritten gegenüber der italienischen Zeitung „La Repubblica“ eine Beteiligung. Sie erklärten, das Formular weder veranlasst noch vor seiner Entfernung gesehen zu haben. Belegt ist deshalb lediglich, dass der Name der Bewegung im Formular verwendet wurde. Wer tatsächlich Zugriff auf die eingegangenen Meldungen hatte, blieb offen.

Reaktion

Das Formular wurde entfernt, nachdem General Pasquale Angelosanto, Italiens nationaler Koordinator für die Bekämpfung des Antisemitismus, eingeschritten war. Jüdische Vertreter und italienische Politiker verurteilten die Aktion scharf.

Walker Meghnagi, Präsident der Jüdischen Gemeinde Mailand, warnte vor einer Rückkehr zur „Jagd auf Juden“. Livia Ottolenghi, Präsidentin des Verbandes der jüdischen Gemeinden Italiens, bezeichnete die Erfassung als einen „neuen gelben Stern“. Italiens Senatspräsident Ignazio La Russa sprach von schwerem Antisemitismus und einer Verletzung grundlegender Bürgerrechte.

Ermittlungsstand

Die Urheber des Formulars waren nach den bisher veröffentlichten Informationen nicht identifiziert. Ebenfalls unbekannt blieb, seit wann das Formular erreichbar war, wie häufig es verbreitet wurde und wie viele Meldungen eingingen.

Nicht geklärt ist zudem, ob die erhobenen Daten nach der Entfernung des Formulars weiterhin gespeichert sind, kopiert oder an Dritte weitergegeben wurden. Ein Zusammenhang mit einem konkreten körperlichen Angriff ist bislang nicht belegt.